Home » Interview » Erster Jahrestag der Proteste vom 11. Juli in Kuba: „Die schlimmste Armut ist der Mangel an Freiheit“

Erster Jahrestag der Proteste vom 11. Juli in Kuba: „Die schlimmste Armut ist der Mangel an Freiheit“

Am 11. Juli jährten sich zum ersten Mal die historischen friedlichen Proteste in Kuba, bei denen Millionen von Menschen in dem karibischen Land auf die Straße gingen. In den letzten Monaten hat eine neue große wirtschaftliche und soziale Krise wieder einmal zu einem Anstieg der Auswanderung geführt. Bladimir Navarro, ein kubanischer Priester, der in Spanien zur Zeit lebt, spricht mit ACN über die Situation in seinem Land.

ACN: Wie ist die jetzige Lage in Kuba?

Bladimir Navarro: Die Menschen in Kuba hungern und sind in großer Not. Es ist sehr traurig zu sehen, wie alte Menschen ihr Hab und Gut auf der Straße verkaufen, um gerade genug zu verdienen, um sich etwas zu Essen zu kaufen. Oder die langen Schlangen an den Geschäften zu sehen. Die Menschen in Kuba überleben, doch die schlimmste Armut ist der Mangel an Freiheit. Abgesehen vom wirtschaftlichen Elend leben wir im Elend der Angst, der Auswanderung, des Mangels an Werten. Ein weiteres dringendes Problem ist der Mangel an Medikamenten; man kann nicht einmal Paracetamol oder Ibuprofen bekommen, von Antibiotika ganz zu schweigen.

Hat sich die Lage nach dem 11. Juli verschlimmert, als die friedlichen Proteste stattfanden?

Sehr. Die kubanische kommunistische Diktatur hat Angst, ihre Macht zu verlieren. Es wurden neue Gesetze erlassen, um ihre marxistische Ideologie in der Zukunft aufrechtzuerhalten. Die Inflation hat enorm zugenommen. Die Kubaner waren sehr froh, als angekündigt wurde, dass die Löhne steigen würden. Aber jetzt sind die Preise für die grundlegendsten Dinge explodiert, man bekommt keine Milch und es gibt keine Medikamente. Wir sehen, dass viele Häuser im ganzen Land einstürzen, während in Havanna neue Hotels gebaut werden. Wer die Stimme erhebt und die Wahrheit sagt, läuft Gefahr, dass gegen ihn vorgegangen wird, dass er verleumdet wird. Die Haftstrafen haben zugenommen.

Che Guevara - Straßenkunst in Havanna
Che Guevara – Straßenkunst in Havanna (Havanna)

Was ist das größte Bedürfnis der Kubaner?

Das Bedürfnis, frei zu sein und in seiner Würde geachtet zu werden. Der menschliche und anthropologische Schaden, den das kubanische Volk erleidet, ist enorm. Weshalb sollte man als Abschaum gelten, nur weil man anders denkt als das kubanische kommunistische Regime? Die Wurzel des Übels liegt im Schaden am Menschen, den die marxistische Ideologie seit 60 Jahren in Kuba angerichtet hat. Der Marxismus ist gegen die Familie, er zerstört die Freiheit und die Würde des Menschen.

Was ist mit den Menschen geschehen, die letztes Jahr Freiheit forderten?

Es ist ein Jammer, dass so viele junge Menschen im Gefängnis sitzen. Die Haftstrafen sind sehr hoch, mehr als 10 Jahre für viele junge Menschen, von denen einige minderjährig, gerade 17 Jahre alt sind. Sie haben nur gefordert: „Wir wollen Freiheit, wir wollen Leben; und nicht nur überleben“. Jetzt ist das Regime hinter jedem her, der ein Bild oder etwas gegen den Kommunismus in den sozialen Medien postet. Jeder, der über sein tägliches Leben berichtet, von den Schlangen, um Brot zu kaufen, oder etwa über etwas, das in der Schule seiner Kinder passiert ist, wird bedroht. Deshalb haben sich viele Menschen entschlossen, das Land zu verlassen; die Auswanderung nimmt wieder stark zu. Die Menschen sind es leid, ihre Stimme zu erheben und inhaftiert zu werden. Es gibt immer noch mehr als 900 Menschen, die im Gefängnis sitzen, einfach nur, weil sie am 11. Juli friedlich demonstriert haben, ohne jemanden anzugreifen, sie liefen friedlich auf der Straße.

Was tut die Kirche in Kuba? Was kann sie tun, um dieses Leiden zu lindern?

Das Schlüsselwort lautet „begleiten“, „das Leiden der Menschen begleiten“. Wie Moses, der das Volk Israel aus der Sklaverei führte. Es gibt viele Menschen, Ordensleute, Priester, Bischöfe und engagierte Laien, die diejenigen, die leiden, begleiten und ihnen in dieser traurigen Zeit Ermutigung und Hoffnung geben. Ein Teil der Hilfe ist materiell, wie sie beispielsweise Caritas Kuba oder Hilfswerke wie ACN leisten, die viel helfen. Es geht ebenfalls darum, die Menschen zu begleiten, ihnen zuzuhören, an der Seite der Leidenden zu stehen und sie materiell und spirituell zu stärken.

Kann man sagen, dass Christus die wahre Hoffnung ist, die das kubanische Volk in dieser Zeit braucht?

Es stimmt schon, dass Christus die einzige Hoffnung ist. Er ist „die Hoffnung, die nicht enttäuscht“. Aber die Dinge stehen schlecht, und die Hoffnung schwindet, vor allem bei den jungen Menschen, die nicht mehr weiter wissen, und nur noch das Verlassen des Landes als Lösung sehen. Aber Jesus hat Worte der Hoffnung; die Kirche mit ihrer Soziallehre kann die verlorene Hoffnung der Kubaner wieder aufrichten. Die Kirche ist ein Zufluchtsort der Hoffnung, um dem Herrn nahe zu sein und die Wunden der marxistischen Ideologie zu heilen.

Was können wir von hier aus tun, um der kubanischen Kirche in ihrer Mission der Hoffnung zu helfen?

Die Stimme der Stimmlosen sein, die Geschehnisse in Kuba sichtbar machen. Denn nach dem 11. Juli ist Kuba keine Nachricht mehr wert. Die Lage hat sich erheblich verschlechtert, nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, sondern auch wegen der jahrelangen Misswirtschaft. Auch das Gebet ist von grundlegender Bedeutung. Natürlich ist materielle Hilfe durch Organisationen und Hilfswerke wie ACN unerlässlich. Hoffentlich wird ACN auch weiterhin Unterstützung leisten, damit die Kubaner merken, dass sie nicht allein sind.

Don't miss the latest updates!

Im Südlibanon fürchten die Christen von Yaroun ein endgültiges Exil

Im Südlibanon leben die Christen aus dem Grenzort Yaroun heute…

Gaza: Osterhoffnung inmitten der Trümmer

Auf dem Gelände der katholischen Pfarrei in Gaza hat die…

Libanon. „Das ist kein gerechter Krieg, es ist eine Niederlage für uns alle.“

Der libanesische Bischof Jules Boutros erklärt gegenüber ACN, dass die…

Nahostkrieg: Aid to the Church in Need weitet Nothilfe im Libanon aus

Angesichts der jüngsten Eskalation im Libanon intensiviert das päpstliche Hilfswerk…

„Es ist der traurigste Moment für mein Heimatland“: Der Vorsitzende der kubanischen Bischofskonferenz bittet darum, Kuba nicht zu vergessen

Die Kirche in Kuba bleibt an der Seite der Bevölkerung, die von Angst, Not in allen Lebensbereichen und Unsicherheit geprägt ist. So die Worte von Bischof Arturo González Amador von...

Im Südlibanon fürchten die Christen von Yaroun ein endgültiges Exil

Im Südlibanon leben die Christen aus dem Grenzort Yaroun heute in der Angst, nie wieder auf den Grund und Boden ihrer Vorfahren zurückkehren zu können. Pater Charles Naddaf, melkitisch-griechisch-katholischer Pfarrer...

Der Sudan darf nicht in Vergessenheit geraten: Eine Verantwortung, die wir alle tragen, nicht nur die Regierungen

Ein Missionar warnt davor, dass die Welt den Sudan aus dem Blick verliert – ein Land, das infolge eines seit drei Jahren andauernden Bürgerkriegs in der weltweit schwersten humanitären Krise...