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Franziskaner aus Syrien: „Die Unsicherheit hat enorm zugenommen“

Die christliche Gemeinschaft ist wachsender Diskriminierung ausgesetzt, hält jedoch am Glauben fest – in einem Land, in dem das Christentum seine Wurzeln hat.

Fast zwei Jahre seit dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad und dem Amtsantritt des neuen syrischen Präsidenten Ahmed al-Charaa bleibt die Lage in Syrien äußerst instabil. Anlässlich seines Besuchs in Spanien sprach Pater Fadi Azar, Franziskaner der Kustodie des Heiligen Landes, mit „Aid to the Church in Need“ (ACN) über seine Mission in Aleppo, die Lage der christlichen Gemeinschaft und die gegenwärtige Situation im Land.

Pater Fadi Azar

Wie ist die aktuelle Lage in Syrien? Wie sieht insbesondere der Alltag der christlichen Gemeinschaft, der Familien und der Jugendlichen aus?

Die Kriminalität hat infolge der weit verbreiteten Armut, der katastrophalen Wirtschaftslage und der anhaltenden Inflation zugenommen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren, weil die derzeitige Regierung sämtliche Angestellten und Angehörigen der Streitkräfte der Assad-Regierung entlassen hat. Deshalb sind zahlreiche junge Menschen und Familienväter arbeitslos. Die Unsicherheit hat enorm zugenommen; immer wieder kommt es zu Entführungen und Plünderungen durch kriminelle Gruppen. Ein anschauliches Beispiel: Früher konnten die Menschen die Türen ihrer Häuser offen lassen, heute trifft jeder Sicherheitsvorkehrungen, weil sogar Strom- und Wasserzähler gestohlen werden. Hinzu kommen Übergriffe auf die christliche Gemeinschaft und der Anschlag im Juni 2025 auf die orthodoxe St.-Elias-Kirche in Damaskus. Diese Ereignisse haben die Angst unter den Christen verstärkt.

Wie ist die Lage der christlichen Gemeinschaft und wie stark ist der Druck, dem sie ausgesetzt ist?

Es gab weitere Angriffe und Übergriffe, wenn auch nicht so schwerwiegend wie den Anschlag auf Sankt Elias. In jüngster Zeit wurden jedoch christliche Friedhöfe zerstört und an den Wänden mehrerer Kirchen christenfeindliche Schmierereien angebracht. Zudem kommt es immer wieder vor, dass radikale islamistische Gruppen mit Lautsprechern ausgestattete Autos durch verschiedene Ortschaften fahren lassen und die Christen dazu auffordern, zum Islam zu konvertieren, da dieser der wahre Glaube sei.

Wie wirkt sich diese Diskriminierung insbesondere auf junge Menschen aus?

Einige haben allein deshalb ihre Arbeit verloren, weil sie Christen sind, oder erhalten aufgrund dieser Diskriminierung keinen Zugang zu bestimmten Arbeitsplätzen. Die Unsicherheit, die wirtschaftliche Lage und die zunehmende Diskriminierung belasten sie schwer, weil sie ihre Zukunft sehr düster sehen. Junge Menschen und Familien fühlen sich unsicher und denken erneut über Auswanderung nach. Das syrische Volk ist sehr fleißig; manche erwägen sogar, nach Afrika zu gehen, obwohl es dort nicht so viele Möglichkeiten gibt wie in anderen Teilen der Welt – doch sie brauchen Frieden und Stabilität.

Welche Rolle spielt die Kirche in dieser Realität der Instabilität und des Leidens? Welche Unterstützung erhält die Kirche von ACN?

Die Kirche steht den Menschen zur Seite, gibt ihnen Halt und Hoffnung, hört ihnen zu und versucht, die vielfältigen Nöte zu lindern. Die Kirchen stehen stets offen und heißen alle willkommen. Viele Pfarreien unterhalten medizinische Versorgungsstellen, verteilen Lebensmittel und Kleidung und bieten Unterstützung im Bildungsbereich – zusätzlich zu ihrer seelsorgerischen und sakramentalen Arbeit. Viele dieser Initiativen sind dank Institutionen wie „Aid to the Church in Need“ (ACN) möglich. Zu den von ACN unterstützten und dringend benötigten Projekte gehört „A Drop of Milk“. Wir sind auch sehr dankbar für die Unterstützung der christlichen Schulen durch Stipendien, die es diesen Einrichtungen ermöglichen, ihre Arbeit fortzusetzen. Von grundlegender Bedeutung ist außerdem die Unterstützung der Priester im ganzen Land durch Messstipendien. Ohne diese Hilfe wäre es unmöglich, zu leben und den Auftrag der Kirche in Syrien fortzuführen.

Und wie sieht der Glaube der syrischen Christen aus?

Unser Glaube ist unser Leben. Die christliche Gemeinschaft, insbesondere in Aleppo, wo ich mich derzeit befinde, ist eng in das Umfeld der katholischen Schulen und des Gemeindelebens eingebunden. Das Leben der Christen spielt sich zu einem großen Teil innerhalb der Gemeinden ab, wo es zudem Sport- und Kunstakademien sowie Gebets- und Katechesegruppen gibt. Nachher haben die Terroristen die St.-Elias-Kirche in Damaskus angegriffen, denn sie wissen, dass Kirchen zentrale Orte für das Leben der Christen sind. Sie wollten Angst säen, doch das Zeugnis der Christen war sehr stark: Am Tag nach dem Anschlag waren alle Kirchen voll; alle Christen versammelten sich, um für die Opfer und auch für die Angreifer zu beten. Unser Glaube ist stark, denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass Gott immer bei uns ist. Und unsere Wurzeln sind die Wurzeln des Christentums; auf diesem Boden wurde unser Glaube geboren. In Damaskus bekehrte sich der heilige Paulus. Wir gehören seit der Zeit vor der Ankunft des Islam zu Syrien.

Wie kann man inmitten dieser Situation die Hoffnung bewahren?

Wir setzen unsere Hoffnung allein auf Gott. Aber wir werden nicht müde, Zeugnis abzulegen und zu versuchen, der Welt unsere Wirklichkeit näherzubringen. Wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft etwas für die Minderheiten in Syrien tun kann, nicht nur für die Christen. Doch viele haben bereits aufgehört, an diese Möglichkeit zu glauben.

Kannst du ein konkretes Zeugnis der Hoffnung schildern?

Ich kann euch vom Zeugnis eines Familienvaters erzählen, der sich auf die Taufe vorbereitet. Er war kein Christ, hat aber durch seine Frau zugelassen, dass seine Kinder getauft wurden. Das Zeugnis seiner getauften Kinder – sie beten und an der Eucharistie teilnehmen zu sehen – hat in ihm eine Veränderung bewirkt. Vor kurzem sagte er zu mir: „Pater Fadi, jetzt sehe ich, dass es Jesus ist, der meine Familie beschützt. Meine Kinder erzählen mir von Jesus und ich sehe, dass er ein Mensch ist, der Liebe ist, der Freude ist, und wenn ich daran denke, spüre ich eine Kraft, weiterzumachen, inmitten der Armut. Ich möchte Jesus nachfolgen.“ Inmitten so vieler Schwierigkeiten geben mir diese Gespräche und das Zeugnis dieses Mannes und so vieler anderer Menschen und Familien Mut, durchzuhalten.

Welche letzte Botschaft möchtest du uns im Namen der Christen in Syrien mitgeben?

Zunächst bitte ich euch um eure Gebete: Betet für Syrien und vergesst uns nicht. Papst Franziskus sagte: „Mein geliebtes Syrien“. Syrien ist ein Land, in dem unser christlicher Glaube entstanden ist, deshalb bitte ich euch, für uns zu beten. Ich möchte euch auch ermutigen, uns über „Aid to the Church in Need“ zu unterstützen. Das Hilfswerk trägt uns und ermöglicht es uns, weiterzumachen. Ohne die Unterstützung so vieler von euch, auch durch die Messstipendien, wäre es unmöglich, weiterzuleben. Dafür möchte ich mich ebenfalls bedanken. Friede und alles Gute.

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