Libanon. „Das ist kein gerechter Krieg, es ist eine Niederlage für uns alle.“
Der libanesische Bischof Jules Boutros erklärt gegenüber ACN, dass die israelischen Angriffe zwar offiziell der Hisbollah gelten, in Wirklichkeit aber die gesamte libanesische Bevölkerung treffen.
Während Israel weiterhin Ziele im Libanon angreift, beschreibt ein junger Bischof vor Ort gegenüber dem katholischen Hilfswerk „Aid to the Church in Need“ die Lage in dem kleinen Land als katastrophal.
In einem Gespräch aus Beirut widerspricht der 43-jährige syrisch-katholische Bischof Jules Boutros der Darstellung, die israelischen Streitkräfte griffen ausschließlich Einrichtungen an, die mit der vom Iran unterstützten Hisbollah verbunden sind.

„Vor kurzem wurden zwei Hotels in Beirut angegriffen, eines davon in einem überwiegend christlichen Viertel. In einem Hotel kann natürlich jeder übernachten. Ich kann nicht wissen, ob über mir ein Hisbollah-Kämpfer ein Zimmer gemietet hat, oder ob ein libanesischer Bürger seine Wohnung an einen Iraner weitervermietet hat. Diese Sorge betrifft jeden Libanesen, der in einem Mehrfamilienhaus oder in einem dicht besiedelten Viertel lebt. Das Risiko ist überall.”
„Erst vor wenigen Monaten hat der Papst im Hafenviertel – wo ich heute Morgen war – eine Friedensmesse gefeiert – nicht nur für Christen, sondern für alle Libanesen. Und jetzt, nur drei Monate später, haben wir mehr als eine Million Flüchtlinge“, sagt Boutros.
Besonders dramatisch sei die Lage im Süden des Landes, nahe der Grenze zu Israel. „Christliche Dörfer im Süden wurden angegriffen; sogar einen Priester wurde getötet: Pater Pierre El-Raï. Vielleicht wurde ein Dorf angegriffen, weil dort eine schiitische Familie aufgenommen worden war, oder weil ein Hisbollah-Kämpfer vorbeikam. Aber tatsächlich treffen die Angriffe alle, überall. Im Libanon gibt es keinen wirklich sicheren Ort.”

Ein großer Teil der Bevölkerung im Süden sei geflohen, auch wenn manche Christen darauf bestanden hätten zu bleiben. „Der gesamte Süden des Libanon ist entvölkert. Wir sprechen von Hunderten von Dörfern. Das betrifft auch mich persönlich, denn meine Familie hat dort ein Haus, und meine Mutter stammt aus einem dieser christlichen Dörfer. Bisher mussten sie nicht fliehen, aber all unsere Erinnerungen hängen an diesem Ort. Die Menschen, die gegangen sind, wissen nicht, ob sie jemals zurückkehren können. Das ist katastrophal. Wir hängen an unserem Land. Unsere Vorfahren haben diese Häuser gebaut, die Olivenbäume gepflanzt, und all das ist jetzt bedroht“, sagt Bischof Jules Boutros.
Auf die Frage, ob der Krieg die verschiedenen Religionsgemeinschaften im Libanon eher getrennt oder zusammengeführt habe, antwortet Boutros. „Früher hörte man aus der schiitischen Gemeinschaft kaum Kritik an der Hisbollah. Jetzt ist das anders. Als der Mufti der schiitischen Gemeinschaft gefragt wurde, ob religiöse Gebäude für Flüchtlinge geöffnet würden, lehnte er das ab und verwies auf die Verantwortung des Staates. Das löste Empörung aus, auch unter Schiiten, die darauf hinwiesen, dass christliche Kirchen und Klöster ihre Türen geöffnet haben.”
„Zugleich stehen sunnitische, drusische und christliche Gemeinschaften in ihrer Ablehnung des Krieges zusammen“, erklärt der Bischof. „Wir wollen keinen Krieg. Wenn es Probleme mit Israel gibt, müssen diese durch Verhandlungen gelöst werden. Wir wollen keine Kämpfen“, erklärt der Bischof dem Hilfswerk.
Was die Versorgung der Vertriebenen angeht, waren Christen besonders aktiv. Diözesen im ganzen Land haben die Türen ihrer Kirchen, Klöster und anderer Gebäude für Binnenvertriebene geöffnet.
Doch vielerorts stoßen sie an ihre Grenzen, und benötigen dringend Hilfe. Die Bedürfnisse seien sehr unterschiedlich. „Manche brauchen Treibstoff für Generatoren; andere psycho-spirituelle Begleitung. Manche bitten um Waschmaschinen, um die Kleidung der Vertriebenen zu waschen, andere um Fernseher, Internetzugang oder einen Herd zum Kochen.”

Hinzu kommen zahlreiche Familien, die Verwandte aufgenommen haben und deshalb außerhalb offizieller Hilfsprogramme fallen. „Ein Priester aus Tyros betreut etwa 120 Familien im Süden. Er sagt, die beste Hilfe sei Geld, weil es zu gefährlich sei, sie persönlich zu besuchen und materielle Güter zu bringen. Selbst der Apostolische Nuntius, der kürzlich anlässlich der Beerdigung von Pater Pierre El-Raï den Süden besuchte, musste in einem bewaffneten Konvoi mit Panzerschutz reisen.”
ACN unterstützt die Kirche im Libanon seit Jahren, und verfolgt die aktuelle Entwicklung mit Hilfe von Mitarbeitern vor Ort. Bischof Jules Boutros dankt dem Hilfswerk ausdrücklich für seine Unterstützung: „Aus dem Libanon danken wir ACN für Ihre Großzügigkeit, für alles, was Sie für unsere Kinder, unsere Familien und besonders für die Vertriebenen und Flüchtlinge in dieser Zeit von Krieg und Angst getan haben. Aber wir brauchen noch mehr! Solange wir den Vertriebenen, den Kindern, den Alten und den Behinderten helfen, bedeutet selbst die kleinste Spende sehr viel.”