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„Beten, unterstützen und besuchen“: Die Geschäftsführende Präsidentin von Aid to the Church in Need (ACN) über die Lage der Christen im Heiligen Land

Nach ihrer jüngsten Reise ins Heilige Land berichtet Regina Lynch über die Herausforderungen für die christlichen Gemeinschaften vor Ort. Sie erläutert, warum ist es wichtig, ihren Lebensunterhalt zu sichern und ihren Glaubens zu stärken – und weshalb Christen weltweit das Land, in dem ihr Glaube seinen Ursprung hat, nicht vergessen dürfen.

Sie sind erst vor wenigen Tagen aus dem Heiligen Land zurückgekehrt. Was hat Sie bei Ihrem Besuch am meisten beeindruckt?

Besonders eindrücklich waren die Begegnungen mit christlichen Familien in Bethlehem und in der Altstadt von Jerusalem. Einige von ihnen profitieren von kleinen Beschäftigungsprojekten, die die Wohltäter von ACN unterstützen.

Das sind Menschen, die arbeiten und ihre Familien versorgen wollen. Wir trafen Frauen, deren Ehemänner bereits alles verkauft hatten, was sich noch zu Geld machen ließ. Trotzdem reicht es nicht, um ihre Familien zu ernähren. Das hat mir gezeigt, wie verzweifelt die Lage inzwischen ist.

Sie hatten die Region bereits früher besucht. Was hat sich verändert?

Ja, aber meine Besuche liegen schon einige Zeit zurück. Seither hat sich vieles verändert. Am auffälligsten war für mich, wie wenige Pilger hierherkommen.

Für uns war es wunderbar, die Grabeskirche und die Geburtskirche, ohne die sonst üblichen Menschenmassen besuchen zu können. Für die Christen vor Ort etwa als Fremdenführer, Ladenbesitzer oder Handwerker hat das Ausbleiben der Pilger schwerwiegende Folgen. Was Besucher als angenehm empfinden, bedroht die Menschen vor Ort in ihrer Existenz.

Was war das Ziel Ihrer Reise?

Abt Nicodemus Schnabel von der Dormitio-Abtei hatte dazu aufgerufen, gerade wegen der ausbleibenden Pilger ins Heilige Land zu reisen. Wir wollten mit unserem Besuch die Solidarität mit der Ortskirche zum Ausdruck bringen, die komplexe Lage besser verstehen und uns ein Bild davon machen, was ACN dank seiner Wohltäter bewirken kann.

Gleichzeitig war es eine Pilgerreise. Wir haben gemeinsam gebetet und die Orte besucht, an denen Christus vor 2.000 Jahren gelebt und gewirkt hat.

Sie hatten auch Gelegenheit, den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem zu treffen. Welche Botschaft lag ihm besonders am Herzen?

Kardinal Pizzaballa brachte seine tiefe Dankbarkeit für die Unterstützung durch ACN zum Ausdruck. Er betonte, dass diese Hilfe weit über das Finanzielle hinausgeht. Die Gebete und die Anteilnahme unserer Wohltäter seien ebenso wichtig.

Er unterstrich außerdem, wie wichtig es ist, die Christen in ihrem Glauben zu stärken. Wir bezeichnen sie oft als die „lebendigen Steinen“ des Heiligen Landes. Ihnen zu helfen, Arbeit zu finden und in ihren Gemeinden zu bleiben, ist von entscheidender Bedeutung. Ebenso wichtig ist es jedoch, ihr Bewusstsein für die Verantwortung zu stärken, den christlichen Glauben in dem Land zu bewahren und weiterzugeben, in dem Christus gestorben und auferstanden ist.

Sie haben auch Gemeinden im Westjordanland besucht, wo Spannungen und Berichte über Siedlergewalt regelmäßig Schlagzeilen machen. Haben Sie sich auf Ihrer Reise sicher gefühlt?

Wir übernachteten in christlichen Dörfern, unter anderem in Taybeh. Dort erlebten wir eine ruhige und friedliche Atmosphäre. Gleichzeitig konnten wir sehen, wie die Siedlungen immer näher an die Dörfer heranrücken. Von den Bewohnern hörten wir, wie schwierig ihr Alltag inzwischen geworden ist.

Die Kontrollpunkte machen alles unvorhersehbar. Ein Lehrer erzählte uns, dass manche Schülerinnen und Schüler morgens um sechs Uhr das Haus verlassen und erst abends um sechs Uhr zurückkehren, weil sie für ihre Ausbildung in andere Orte fahren müssen.

Auch die Bauern sind sehr besorgt, ob sie ihre Felder erreichen und ihre Ernte einbringen können.  Wir hörten Berichte von niedergebrannten Olivenbäumen. Das wiegt besonders schwer, weil der Olivenanbau für viele Familien eine wichtige Einkommensquelle ist.

Welche Projekte würden Sie besonders hervorheben, wenn es um die Unterstützung der Ortskirche durch ACN geht?

Dazu gehört die katholische Druckerei in Bethlehem. Sie stellt religiöse und pädagogische Materialien für das Lateinische Patriarchat, Schulen und Ordensgemeinschaften her. ACN hat die Modernisierung ihrer Ausstattung unterstützt.

Für die Kirche wird es immer schwieriger, Druckereien zu finden, die bereit sind, christliche Materialien zu drucken. Deshalb ist besonders wichtig, über eigene Druckereien zu verfügen. Dieses Projekt hilft sehr konkret: Es ermöglicht kirchliche Veröffentlichungen und sichert zugleich Arbeitsplätze für die Menschen vor Ort. Zu den Auftraggebern gehören neben dem Lateinischen Patriarchat auch Schulen, Ordensgemeinschaften und weitere Einrichtungen. Die Druckerei ist ein konkretes Beispiel dafür, wie kirchliche Unterstützung zugleich der örtlichen Wirtschaft zugutekommt.

Sehr ermutigend war für mich auch der Besuch im Priesterseminar von Beit Jala. ACN unterstützt das Seminar seit längerer Zeit, unter anderem bei der Instandsetzung der Gebäude.

Außerdem begegneten wir drei Laien, die an einem vom Lateinischen Patriarchat organisierten Ausbildungsprogramm teilnahmen. Viele Teilnehmer hatten ihre Arbeit verloren, weil sie wegen der ausbleibenden Pilger nicht mehr als Fremdenführer arbeiten können.

Das Programm hilft ihnen, ihr Kenntnisse des christlichen Glaubens zu vertiefen. Sie können in Zukunft Pilgern die heiligen Stätten aus christlicher Perspektive erklären.

Einer der Teilnehmer erzählte, dass er nun gezielt auf Bibelstellen verweisen könne, wenn er die heiligen Orte erklärt. Ebenso bewegend war der Bericht einer Frau. Vor der Krise habe ihre Familie nur gelegentlich die Sonntagsmesse besucht. Inzwischen seien sie und ihre Familie im Glauben viel stärker geworden.

Das zu hören, war wunderbar. Selbst unter Leid und Unsicherheit können Menschen ihren Glauben vertiefen und neu erfahren, was Gemeinschaft bedeutet. Solche Begegnungen zeigen mir, dass es selbst in dunklen Zeiten Licht geben kann. Menschen können im Glauben wachsen, Hoffnung finden und gemeinsam stärker werden.

Wie schwerwiegend wäre es nach ihren Eindrücken, wenn Christen nicht mehr im Heiligen Land bleiben könnten – dort, wo das Christentum seinen Ursprung hat?

Das wäre eine Katastrophe. Wo immer wir als Christen leben, bleiben wir mit den Wurzeln unseres Glaubens verbunden. Diese Wurzeln liegen im Heiligen Land. Wenn dort, wo das Christentum entstanden ist, keine Christen mehr lebten, wäre das ein verheerender Verlust.

Regina Lynch, Die Geschäftsführende Präsidentin von Aid to the Church in Need (ACN)

Die Christen dort müssen spüren, dass sie nicht vergessen sind. Seit meiner Rückkehr ermutige ich deshalb dazu, ins Heilige Land zu reisen. Ein solcher Besuch ist mehr als eine Pilgerreise zu heiligen Stätten: Er bietet auch um eine sehr konkrete Möglichkeit, die Christen vor Ort zu unterstützen, deren Lebensunterhalt von den Besuchern abhängt.

Manche halten eine Reise dorthin möglicherweise für zu gefährlich sei. Ich persönlich habe mich jedoch während meines gesamten Aufenthalts zu keinem Zeitpunkt bedroht gefühlt.

Deshalb ist meine Botschaft ganz einfach:

Beten, unterstützen und besuchen.

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