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„Viele unserer Wohltäter in Lateinamerika sind nicht wohlhabend, aber sie erkennen, dass es Christen gibt, die sich in einer schwierigeren Situation als sie selbst befinden“

Regina Lynch, Geschäftsführende Präsidentin von Aid to the Church in Need (ACN), kehrte vor Kurzem von einem Besuch der Nationalbüros in Lateinamerika zurück. Nach ihrer Reise nach Chile, Brasilien, Kolumbien und Mexiko sprach sie über die Herausforderungen, vor denen diese Länder stehen.

Regina Lynch bei ihrem Besuch bei ACN Brasilien August 2023
Regina Lynch bei ihrem Besuch bei ACN Brasilien August 2023

Sie sind gerade von einer Reise zu den Nationalbüros in Lateinamerika zurückgekehrt. Warum hatten Sie diese für Ihren Besuch ausgewählt?

Es war mir ein echtes Bedürfnis, die lateinamerikanischen Büros zu besuchen. Es handelt sich in allen Fällen um Länder, die Hilfe von ACN erhalten haben, die aber nun selbst Spendenkampagnen organisieren. Ich war der Ansicht, dies sollte einmal herausgestellt werden. Es ist wunderbar, dass Menschen über ihr eigenes Leid hinausblicken können und erkennen, dass es in anderen Ländern Christen gibt, die sich in einer schwierigeren Situation als sie selbst befinden.

Ihre erste Station war Chile. Wie ist die aktuelle Lage dort?

Tatsächlich war die Kirche in Chile die erste lateinamerikanische Kirche, die wir unterstützt haben. Das war 1962, also eine ganze Weile her. Chile ist ein Land mit einer langen Geschichte voller politischer Auseinandersetzungen. Auch die Kirche hat in den letzten Jahren gelitten. Da waren die Skandale um sexuellen Missbrauch, und seit 2019 hat es eine Reihe von Brandanschlägen auf Kirchen gegeben, was bis heute andauert. Das ist zurzeit keine einfache Situation, geschweige denn eine einfache Ausgangssituation für eine katholische Organisation wie die unsere, die um Unterstützung für notleidende Christen in anderen Teilen der Welt bittet. Und dennoch werden unsere Wohltäter aktiv und spenden. Ich glaube, sie tun dies, weil sie sich ihrer eigenen schwierigen Situation sehr bewusst sind.

Sie erwähnten, dass Chile zu den ersten Ländern zählte, die von ACN unterstützt wurden. Betreut die Stiftung auch heute noch Projekte in Chile?

In Chile konzentrieren wir uns sehr stark auf Ausbildung, insbesondere der Seminaristen und der Laien. Es ist sehr wichtig, dass die Katholiken in diesen schwierigen Zeiten in der Gesellschaft fest in ihrem Glauben verankert sind und ihn sehr gut verstehen. Traurigerweise müssen wir aufgrund der Angriffe auf Kirchen und Kapellen auch bei der Restaurierung und beim Wiederaufbau der bei Brandanschlägen beschädigten Gebäude Unterstützung leisten.

Was hat Sie bei ihrem Besuch in Chile am meisten beeindruckt?

Wir besuchten zahlreiche arme Gemeinden, in denen es wegen des Drogenhandels häufig zu Gewalt kommt. Trotzdem war es sehr ermutigend zu sehen, dass viele neue Religionsgemeinschaften aus Ländern wie Brasilien und Argentinien und sogar zwei Priester aus Nigeria voller missionarischem Geist den Armen sehr nahe sind und einen Beitrag leisten, den Glauben zu stärken und Hoffnung zu geben.

ACN-Besuch in Uricurituba
ACN-Besuch in Uricurituba

Ihre nächste Station war Brasilien, ein Land, in dem ACN seit vielen Jahren aktiv ist.

Ja richtig, und zwar seit den 1960er-Jahren. Vor ungefähr 25 Jahren eröffneten wir dort ein Nationalbüro, um herauszufinden, ob dieses Empfängerland auch ein Geberland werden könnte. Das Ergebnis war derart positiv, dass dieses Büro die von ACN in Brasilien unterstützten Projekte abdecken kann.

Was für mich jedoch wichtig ist und mich sehr beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass die meisten der Wohltäter in Brasilien sehr arme Menschen sind. Der durchschnittliche Spendenbetrag in Brasilien liegt bei vier Euro. Bei vielen dieser Wohltäter handelt es sich tatsächlich um Menschen, die in Slums leben, die selbst ums Überleben kämpfen und die große Opfer bringen, um ACN zu unterstützen. Eine Frau arbeitet als Wäscherin und das, was sie am Samstag verdient, gibt sie ACN. Genau wie im Gleichnis vom Scherflein der Witwe.

Sie sprachen von Armut und davon, dass ACN viele Projekte in den ärmeren Regionen Brasiliens unterstützt, beispielsweise in der Amazonas-Region. Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die Kirche?

Katholiken haben immer noch einen Anteil von 60 bis 65 % an der Bevölkerung, aber diese Zahl sinkt Jahr für Jahr. Es gibt zahlreiche evangelikale Sekten, und viele Katholiken verlassen die Kirche, um den Sekten beizutreten. Aufgrund des Drogenhandels gibt es viel Gewalt. Ich habe einige sehr arme Gegenden in São Paulo besucht, in die sich nicht einmal die Polizei hineinwagt. Aber wie in Chile war ich auch hier enorm beeindruckt von den neuen kirchlichen Bewegungen, den geweihten Laien und Priestern, die in diesen Slums mit den Menschen leben, Evangelisierungsarbeit, auch mittels Schulen, leisten und die weithin von der Bevölkerung respektiert werden.

Patronatsfest, Kapelle San Juan Bautista
Patronatsfest, Kapelle San Juan Bautista

Was mich auch begeistert hat, war eine Kapelle in einem Einkaufszentrum in Rio de Janeiro. Es gibt fünf oder sechs Kapellen in Einkaufszentren in Rio, die unter die Zuständigkeit der Erzdiözese fallen. Das ist wirklich ein sehr innovativer Weg, wie man die einfachen Menschen erreicht, indem man ihnen die tägliche Messe, die Beichte und Unterweisung im Glauben anbietet. Papst Franziskus fordert dazu auf, hinauszugehen und an den Rändern zu evangelisieren. Wir wissen, dass es in vielen lateinamerikanischen Ländern eine große Bewegung in die städtischen Gebiete gibt, und die Kirche muss präsent sein. Wenn die Menschen nicht in die Gemeinden kommen, dann müssen wir zu den Menschen gehen.

Anschließend besuchten Sie Kolumbien. Was ist an diesem Land besonders?

In Kolumbien gibt es immer noch viele Berufungen zum Priestertum. Aber das Land hat auch ein extremes Maß an Gewalt erlebt, mit Guerillakämpfen, und wie in vielen lateinamerikanischen Ländern gibt es das große Drogenproblem. Außerdem hat das Land beispielsweise Abtreibung und Euthanasie legalisiert. Obgleich die Kirche hier sehr stark ist, muss sie die Menschen durch dieses schwierige Terrain leiten.

Die Kirche in Kolumbien spielt ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Unterstützung Venezuelas. Es gibt viele Geflüchtete aus Venezuela, und die Bischöfe haben sich mit ihren Amtskollegen in Venezuela in Verbindung gesetzt, um ihre Solidarität zu bekunden und die besten Möglichkeiten zur Unterstützung der Flüchtlinge zu finden.

Ihre Reise endete in Mexiko, in einem Land, in dem in jüngerer Vergangenheit mehrere Priester ermordet wurden …

Im Mexiko trafen wir die Bischofskonferenz und ließen uns die Lage der Gesellschaft und der Kirche in Mexiko schildern. Mexiko ist für Priester eines der gefährlichsten Länder der Welt. Es gibt so viel organisiertes Verbrechen, Antiklerikalismus, eine lange Geschichte der Verfolgung der Kirche, und wenn irgendjemand, irgendein Priester es wagt, dies anzusprechen, kann er dafür mit seinem Leben bezahlen. Vor gut einem Jahr wurden zwei Jesuiten umgebracht .

Prozession im Stadtzentrum, in Huejutla
Prozession im Stadtzentrum, in Huejutla

Gerade erst unterstützte ACN ein Friedenstreffen in Puebla unter dem Titel „Nationaler Dialog für den Frieden“, bei dem die katholischen Bischöfe, Ordensleute, Laien und anderen Gruppen zusammenkamen. Sie beschäftigten sich mit der Frage, wie die Kirche vorankommen und der Gesellschaft helfen kann, eine Art Frieden zu erreichen. Die Idee für dieses Treffen entstand nach der Ermordung der Jesuiten. Wir sind uns bewusst, dass, sofern es überhaupt Hoffnung auf Veränderungen in der mexikanischen Gesellschaft gibt, die Kirche am besten positioniert ist, zu diesen Veränderungen beizutragen.

Hinzu kommt die Frage der Migranten aus Mittel- und Südamerika, die auf ihrem Weg in die Vereinigten Staaten durch Mexiko reisen. Sie sind Opfer zahlreicher Gewalttaten von organisierten Gruppen, von Drogenhändlern, Banditen und manchmal von den lokalen Behörden. Die Kirche ist eine der wenigen Einrichtungen, die sich in hohem Maße für diese Migranten einsetzt, sowohl in sozialer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Und ich habe den Eindruck, dass dies vom Staat nicht immer anerkannt wird, was wirklich äußerst bedauerlich ist.

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