{"id":145285,"date":"2020-11-23T09:16:53","date_gmt":"2020-11-23T08:16:53","guid":{"rendered":"https:\/\/acninternational.org\/?p=145285"},"modified":"2020-11-23T09:38:03","modified_gmt":"2020-11-23T08:38:03","slug":"nigeria-die-gefahr-einer-stigmatisierung-der-fulani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acninternational.org\/de\/nigeria-die-gefahr-einer-stigmatisierung-der-fulani\/","title":{"rendered":"Nigeria: Die Gefahr einer Stigmatisierung der Fulani"},"content":{"rendered":"<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">\u201eDer Konflikt in der Middle-Belt-Region ist eher ein Kampf um Ressourcen als ein religi\u00f6ser Konflikt\u201c, sagt der Direktor des Zentrums f\u00fcr Dialog, Vers\u00f6hnung und Frieden in Jos.<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Das Hilfswerk Aid to the Church in Need (ACN) interviewt Pfarrer Blaise Agwon, Direktor des Dialogue, Reconciliation and Peace Centre (Zentrum f\u00fcr Dialog, Vers\u00f6hnung und Frieden) in Jos, der Hauptstadt des Bundesstaates Plateau in der Middle-Belt-Region Zentralnigerias. Der nigerianische Priester forscht derzeit am Centre for Conflict Management and Peace Studies der Universit\u00e4t von Jos \u00fcber Konflikt- und Friedensmanagement. Im Fokus der Untersuchung steht \u201eder Konflikt zwischen Bauern und Viehhirten in der Middle-Belt-Region und die Vermittlung Dritter\u201c. Maria Lozano, Pressereferentin von ACN International, spricht mit ihm \u00fcber den Konflikt, der \u00fcber tausend Menschen das Leben gekostet hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Vor einigen Wochen sandten die Bisch\u00f6fe der Region Kaduna eine in scharfen Worten verfasste Erkl\u00e4rung \u00fcber das furchtbare und enorme Ausma\u00df, das die Trag\u00f6die in \u201eden letzten drei Jahren\u201c angenommen hat. Ist etwas geschehen, das diese Welle der Gewalt und des T\u00f6tens ausgel\u00f6st hat?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Ich denke, die Eskalation des Konflikts in den letzten Jahren ist auf die Aktivit\u00e4ten terroristischer Organisationen wie Boko Haram und ISWAP zur\u00fcckzuf\u00fchren, auf die Verbreitung von Waffen infolge der Auseinandersetzungen in einigen afrikanischen L\u00e4ndern wie Libyen, Mali, der Zentralafrikanischen Republik usw. Solche Konflikte sind nicht spezifisch f\u00fcr Nigeria, sondern finden sich in den meisten afrikanischen L\u00e4ndern. Insbesondere die L\u00e4nder der westlichen Regionen haben mit derselben Situation zu k\u00e4mpfen.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_141245\" aria-describedby=\"caption-attachment-141245\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-141245 size-full\" src=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-05.jpg\" alt=\"Nigeria: Die Gefahr einer Stigmatisierung der Fulani.\" width=\"670\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-05.jpg 670w, https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-05-300x179.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-141245\" class=\"wp-caption-text\">Nigeria: Die Gefahr einer Stigmatisierung der Fulani.<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Die westliche Welt wei\u00df zwar von den Bedrohungen durch Boko Haram und ISWAP, aber die Situation, zu der die Bisch\u00f6fe im Zusammenhang mit den Gr\u00e4ueltaten im Norden des Middle Belt Stellung nehmen, h\u00e4ngt nicht mit diesen Gruppen zusammen.\u00a0 Worum geht es in dem Konflikt?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">F\u00fcr den Konflikt im Middle Belt sind viele Faktoren verantwortlich. Da sind zum Beispiel die Auswirkungen des Klimawandels, Erosion, das Konkurrieren von Bauern und Viehhirten um Land und Wasser, Viehdiebstahl, Entf\u00fchrungen, Banditentum und Raub\u00fcberf\u00e4lle.\u00a0 Durch den Boko Haram- und ISWAP-Konflikt im Nordosten und das Schrumpfen des Tschadseebeckens \u2013 bisher die Lebensgrundlage f\u00fcr \u00fcber 40 Millionen Menschen \u2013 und durch die damit einhergehenden Auswirkungen der W\u00fcstenbildung kommt es zu Massenwanderungen von Menschen, Tieren und sogar V\u00f6geln und Reptilien in Richtung Middle Belt. Dies hat zu einer gravierenden Konkurrenz um Ressourcen wie Wasser und Land, um Ackerbau und Beweidung, um Bauen und wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten gef\u00fchrt. Dadurch wiederum ist es zu Spannungen zwischen den Menschen gekommen. Boko Haram und ISWAP sind zudem jedoch nach wie vor ein wichtiger Faktor im Konflikt im Middle Belt, da sie immer noch in diesem Gebiet aktiv sind. Sie sind an Entf\u00fchrungen, r\u00e4uberischen Aktionen und sogar an Viehdiebstahl beteiligt.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Der antagonistische Kampf zwischen Bauern und Viehhirten ist in Afrika seit jeher tief verwurzelt. Deswegen sprechen manche von einem Stammeskrieg. Stimmt es, dass die meisten Verbrechen von Viehhirten der ethnischen Gruppe der Fulani ver\u00fcbt werden?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Es stimmt zwar, dass Fulani-Viehhirten tief in die Verbrechen im Norden und insbesondere in der Region des Middle Belt verwickelt sind, aber nicht alle Fulani. Au\u00dferdem sind nicht nur Fulani verantwortlich. Es gibt sehr viele Gruppen aus anderen lokalen ethnischen St\u00e4mmen, die ebenfalls in Kriminalit\u00e4t, Banditentum, Entf\u00fchrungen und Viehdiebstahl verwickelt sind, manche von ihnen haben sogar Milizen gebildet. Einige Fulani haben mit lokalen christlichen Gruppen kriminelle Banden gebildet und terrorisieren sowohl die Fulani als auch die lokalen ethnischen Gruppen. Dementsprechend handelt es sich bei den meisten Geschehnissen eher um Kriminalit\u00e4t und auch um einen Konflikt um Ressourcen.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Es gibt etwa 20 bis 25 Millionen Fulani, die weit verstreut in der Sahelzone und in Westafrika leben. Einige Quellen sprechen sogar von 40 Millionen. Ist es nicht gef\u00e4hrlich, ein ganzes Volk, eine ganze Gemeinschaft zu stigmatisieren?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Wir haben tats\u00e4chlich \u00fcber 40 Millionen Fulani, die \u00fcber die Sahelzone verteilt sind, und im Lauf der Geschichte gab es schon immer Missverst\u00e4ndnisse zwischen ihnen und ihren Nachbarn, den Ackerbauern. Solche Streitigkeiten wurden stets mithilfe lokaler Konfliktl\u00f6sungsverfahren beigelegt. Doch sowohl die Zahl als auch der Schweregrad dieser Konflikte haben in den letzten Jahren nicht nur in Nigeria, sondern auch in anderen L\u00e4ndern zugenommen, so zum Beispiel in Mali, Niger, Burkina Faso, Ghana, Kamerun, im Tschad usw. Einige dieser L\u00e4nder sind \u00fcberwiegend muslimisch, zum Beispiel Niger und Mali, und auch sie haben in ihren Gemeinschaften eine starke Steigerung des Konflikts zwischen Viehhirten und lokalen Gruppen zu verzeichnen.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_141239\" aria-describedby=\"caption-attachment-141239\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-141239 size-full\" src=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-04.jpg\" alt=\"Bislang gibt es etwa 2,5 Millionen Binnenvertriebene im Nordosten Nigerias, 680 000 Fl\u00fcchtlinge in Kamerun und \u00fcber 294 000 im Tschad und in Niger.\" width=\"670\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-04.jpg 670w, https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/acn_nigeria_genocide-04-300x179.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-141239\" class=\"wp-caption-text\">Bislang gibt es etwa 2,5 Millionen Binnenvertriebene im Nordosten Nigerias, 680 000 Fl\u00fcchtlinge in Kamerun und \u00fcber 294 000 im Tschad und in Niger.<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Manche glauben, dass der Konflikt zu einem V\u00f6lkermord seitens von au\u00dfen finanzierter Dschihadisten an den Christen im Norden, wo sie eine Minderheit sind, geworden sei. Was halten Sie von dieser Hypothese? Sind die Fulani-Gruppen von islamischen Dschihadisten infiltriert und radikalisiert worden?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Der Konflikt im Middle Belt mag wie ein religi\u00f6ser Konflikt wirken, weil er zwischen den \u00fcberwiegend muslimischen Viehhirten und den mehrheitlich christlichen Bauern ausgetragen wird. Es handelt sich jedoch eher um einen Ressourcen- als um einen religi\u00f6sen Konflikt. Nur die religi\u00f6se Trennlinie l\u00e4sst ihn als religi\u00f6sen Konflikt erscheinen. Es ist ein Ressourcenkonflikt um Land und Wasser, um Acker- und Weideland usw.\u00a0<\/span><span class=\"Normal__Char\">Es besteht die Gefahr einer Stigmatisierung der Fulani solcherart, dass alle Fulani wegen der \u00fcblen Taten einiger weniger als Dschihadisten bezeichnet werden, selbst wenn die meisten von ihnen sehr gute, friedliche und flei\u00dfige Menschen sind.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Tats\u00e4chlich sind viele Menschen infolge dieser Gr\u00e4ueltaten gestorben.\u00a0 Es wird vermutet, dass auch Dschihadisten oder S\u00f6ldner aus anderen L\u00e4ndern, insbesondere aus Mali, f\u00fcr einige der Gr\u00e4uel im Norden verantwortlich sind. Es w\u00e4re jedoch falsch zu sagen, dass die Gewalttaten sich nur gegen Christen richten. Eine solche Behauptung ist nicht nur falsch, sondern auch herzlos. Muslime haben unter diesen Angriffen ebenso gelitten wie Christen. Bundesstaaten wie Zamfara, Yobe und Katsina sind zu \u00fcber 90 Prozent muslimisch, und dennoch haben sehr viele Menschen dort durch die H\u00e4nde dieser Banditen gelitten. Selbst Katsina, der Heimatstaat unseres Pr\u00e4sidenten und ebenfalls zu \u00fcber 95 Prozent muslimisch, wurde nicht verschont. Das Dorf des Pr\u00e4sidenten wurde sogar angegriffen, etliche D\u00f6rfer wurden v\u00f6llig niedergebrannt. Und auch in Kaduna haben Christen und Muslime gleicherma\u00dfen gelitten. Mir wurde gesagt, dass die Menschen in Zaria, Kaduna, wegen der Aktivit\u00e4ten der Banditen kaum ihre Felder bestellen k\u00f6nnen, und in Zaria sind die meisten Menschen Muslime.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Wie sieht es mit den Zahlen aus? Einige Quellen sprechen von tausend Toten. Haben Sie Zahlen zu den Opfern?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Hier haben wir es mit Vermutungen zu tun. Verschiedene Gruppen und NGOs, sowohl einheimische als auch ausl\u00e4ndische, pr\u00e4sentieren unterschiedliche Zahlen. Es wird jedoch allgemein angenommen, dass bisher \u00fcber 20 000 Menschen in Nordnigeria durch terroristische Aktivit\u00e4ten ums Leben gekommen sind. In der n\u00f6rdlichen Zentralregion wurden in den letzten f\u00fcnf Jahren mehr als tausend Menschen get\u00f6tet. Mit den Berichten wird jedoch auch massiv Politik betrieben, da verschiedene Gruppen ihre Zahlen immer wieder aufbl\u00e4hen, um lokale wie auch internationale Sympathien zu gewinnen. Manchmal kleiden sich die Banditen bei ihren Angriffen auch wie Soldaten. Aufgrund all dieser Faktoren gibt es immer wieder Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen, entweder zwischen Fulani und den lokalen Gruppen, zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Bauern und Viehhirten, in einem solchen Ausma\u00df, dass die Fakten unklar bleiben.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Und was ist mit den Fl\u00fcchtlingen? Die Bisch\u00f6fe schreiben: \u201eDie Opfer dieser Kriminellen bleiben als Fl\u00fcchtlinge in Lagern gefangen, leben und sterben in Armut und Krankheit.\u201c Haben Sie Zahlen \u00fcber das tats\u00e4chliche Ausma\u00df der Trag\u00f6die?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Bislang gibt es etwa 2,5 Millionen Binnenvertriebene im Nordosten Nigerias, 680 000 Fl\u00fcchtlinge in Kamerun und \u00fcber 294 000 im Tschad und in Niger. Die Zahlen sind also hoch und beschr\u00e4nken sich nicht nur auf Nigeria, denn der Boko-Haram-Konflikt hat auch andere L\u00e4nder wie den Tschad, Mali, Niger und Kamerun in Mitleidenschaft gezogen. Das Leben in diesen Lagern ist sehr hart, den Fl\u00fcchtlinge droht unter anderem Hunger und Missbrauch. Einige von ihnen, vor allem aus der n\u00f6rdlichen Zentralregion, sind jedoch zu ihren Gemeinschaften zur\u00fcckgekehrt, da der Konflikt dort, abgesehen von R\u00e4ubereien und Entf\u00fchrungen, wirklich nachgelassen hat.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><strong><span class=\"Normal__Char\">Was kann und sollte der Rest der Welt tun, um Nigeria in dieser verzweifelten Lage zu helfen?<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">Meines Erachtens kann die internationale Gemeinschaft Nigeria am besten im Bereich der Sicherheit helfen. Das liegt daran, dass die zust\u00e4ndigen Stellen angesichts der Sicherheitsprobleme Nigerias \u00fcberfordert sind. Die Sicherheitskr\u00e4fte brauchen mehr und bessere Ausr\u00fcstung, Kommunikationstechnik, Transportmittel usw. Die Regierung muss auch das Budget f\u00fcr diese Sicherheitsorgane aufstocken, mehr Personal rekrutieren und besser f\u00fcr dessen Wohlergehen sorgen, um den Arbeits- und Kampfgeist zu st\u00e4rken.<\/span><\/p>\n<p class=\"Normal\"><span class=\"Normal__Char\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Konflikt in der Middle-Belt-Region ist eher ein Kampf um Ressourcen als ein religi\u00f6ser Konflikt\u201c, sagt der Direktor<\/p>\n","protected":false},"author":4258341447,"featured_media":145297,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_acn_coauthor_ids":[],"footnotes":""},"categories":[234],"tags":[],"country":[408],"class_list":["post-145285","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","country-nigeria-es"],"acn_coauthors":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO 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