{"id":142882,"date":"2020-09-16T11:39:33","date_gmt":"2020-09-16T09:39:33","guid":{"rendered":"https:\/\/acninternational.org\/?p=142882"},"modified":"2025-02-28T09:26:55","modified_gmt":"2025-02-28T08:26:55","slug":"tschad-ich-bin-ein-kind-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/acninternational.org\/de\/tschad-ich-bin-ein-kind-des-krieges\/","title":{"rendered":"Tschad: \u201eIch bin ein Kind des Krieges\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Der aus der Di\u00f6zese N&#8217;Djamena im Tschad stammende Pater L\u00e9andre Mbaydeyo ist dank eines Stipendiums von ACN zurzeit in der Pfarrei St. Ambrosius in Paris t\u00e4tig. Im Interview spricht der katholische Priester \u00fcber die Lage in seinem Land, das in diesem Jahr den 60. Jahrestag seiner Unabh\u00e4ngigkeit feiert. <\/em><\/strong><\/p>\n<h4><strong>ACN: Der Tschad nimmt einen komplizierten und konfliktreichen Platz im Herzen der Sahelzone ein. Hat dies Auswirkungen auf das t\u00e4gliche Leben der Tschader?<\/strong><\/h4>\n<p><strong>L\u00e9andre Mbaydeyo<\/strong>: Aber nat\u00fcrlich! Schauen Sie auf die L\u00e4nder um uns herum: Libyen, Sudan, die Zentralafrikanische Republik, Kamerun, Niger&#8230; Das sind turbulente Nachbarn! Ich selbst bin weit weg vom Heimatdorf meiner Eltern geboren, die wegen des Krieges fliehen mussten. Ich bin also ein Kind des Krieges, und vielleicht ist es der Krieg, der mich t\u00f6ten wird. Der Tschad ist ein Land voller Vielfalt: Es gibt dort mehr als 200 verschiedene ethnische Gruppen und Sprachen. Es besteht auch seit jeher eine uralte Feindschaft zwischen den muslimischen Hirten im Norden und den christlichen und animistischen Bauern im S\u00fcden. Da gibt es immer wiederkehrende Konflikte, die die Tschader in den meisten F\u00e4llen l\u00f6sen k\u00f6nnen. Wenn jedoch die Politik ins Spiel kommt, wird alles kompliziert, und die Auseinandersetzungen verkommen zu blutigen Konfrontationen. Etwa die H\u00e4lfte des Landes ist muslimisch, ein Drittel ist christlich und der Rest bekennt sich zu traditionellen Religionen.<\/p>\n<h4><strong>Ihr Land scheint jedoch stabiler zu sein als die meisten seiner Nachbarn. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/strong><\/h4>\n<p>Wir werden von einem Pr\u00e4sidenten (Idriss Deby Itno) regiert, der ein K\u00e4mpfer ist. Er steht seit drei\u00dfig Jahren dem Land vor und verf\u00fcgt \u00fcber eine m\u00e4chtige Armee. Die tschadische Armee ist mit der Unterst\u00fctzung Frankreichs sehr aggressiv und wirksam gegen terroristische Gruppen wie Boko Haram. Sie z\u00f6gert nicht, ihre Feinde au\u00dferhalb ihrer Grenzen anzugreifen.<\/p>\n<p>Wir Tschader sind uns der latenten Gewalt sehr bewusst; dies ist Teil unserer Bildung und unserer Lebensweise. Ich erkl\u00e4re es Ihnen an einem Beispiel: Als ich zu meinem Studium in Paris ankam, wurde mir ein Spaziergang auf den Champs-Elys\u00e9es angeboten, aber ich lehnte ab, weil sie neben dem Elys\u00e9e-Palast des Pr\u00e4sidenten liegen. Im Tschad muss man den Pr\u00e4sidentenpalast meiden, weil er ein sehr gef\u00e4hrlicher Ort ist, an dem die Wachen auf alles schie\u00dfen, was sich bewegt. Einmal fuhr eine italienische Ordensschwester versehentlich ihr Auto unter der Umfassungsmauer des d&#8217;Ndjamena-Palastes hindurch. Sie fuhr schnell zur\u00fcck, aber die Wachposten er\u00f6ffneten das Feuer und zerschossen ihre Windschutzscheibe. Gl\u00fccklicherweise senkte sie reflexartig den Kopf, und so rettete sie sich &#8230;<\/p>\n<h4><strong>Bef\u00fcrchten Sie ein Vordringen radikaler Islamisten im Tschad wie in anderen afrikanischen L\u00e4ndern der Sahelzone?<\/strong><\/h4>\n<p>Wir haben verh\u00e4ngnisvolle Versuche der Islamisierung gesehen, insbesondere ausgehend von Muammar al-Gaddafis Libyen. Vor seinem Tod im Jahr 2011 wurden fast \u00fcberall Moscheen gebaut, sogar in christlichen D\u00f6rfern im S\u00fcden. Dar\u00fcber hinaus wurden junge Muslime ermutigt, christliche Frauen zu heiraten, um sie zu bekehren und Kinder zu bekommen, die wiederum Muslime w\u00fcrden&#8230; Doch dies h\u00f6rte mit dem Sturz des libyschen Regimes auf. Dort, wo Christen und Muslime zusammenleben, besteht jedoch Druck, zum Islam zu konvertieren. Vor allem am Arbeitsplatz ist es als Muslim oft einfacher, Gesch\u00e4ftspartner zu finden. Im Gegensatz dazu ist es f\u00fcr einen Muslim sehr schwierig, Christ zu werden, und diejenigen, die konvertieren, werden oft von ihren Familien versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Was den dschihadistischen Terrorismus betrifft, wie er von Gruppen etwa Boko Haram bef\u00fcrwortet wird, so bek\u00e4mpft die tschadische Regierung ihn auf ihrem Territorium mit Unterst\u00fctzung der franz\u00f6sischen Armee wirksam. Er stellt daher eine geringere Bedrohung dar als in anderen Nachbarl\u00e4ndern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_142869\" aria-describedby=\"caption-attachment-142869\" style=\"width: 670px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-142869 size-full\" src=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Father-L%C3%A9andre-Mbaydeyo.jpg\" alt=\"Der aus der Di\u00f6zese N'Djamena im Tschad stammende Pater L\u00e9andre Mbaydeyo.\" width=\"670\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Father-L%C3%A9andre-Mbaydeyo.jpg 670w, https:\/\/media.acninternational.org\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Father-L%C3%A9andre-Mbaydeyo-300x179.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-142869\" class=\"wp-caption-text\">Der aus der Di\u00f6zese N&#8217;Djamena im Tschad stammende Pater L\u00e9andre Mbaydeyo.<\/figcaption><\/figure>\n<h4><strong>Hei\u00dft dies also, dass die Lage der Christen im Tschad besser ist als in den Nachbarl\u00e4ndern?<\/strong><\/h4>\n<p>Gr\u00f6\u00dftenteils, ja, obwohl die Regierung nicht auf unserer Seite ist. Sie neigt dazu, unsere Bedeutung herunterzuspielen. Ein Beispiel: Die von der Regierung vorgelegten offiziellen Zahlen der tschadischen Christen basieren auf der Volksz\u00e4hlung von 1983. Sie wollen den Menschen glauben machen, dass der Tschad ein muslimisches Land ist!<\/p>\n<h4><strong>Wie ist die Lage der katholischen Kirche im Tschad?<\/strong><\/h4>\n<p>Unsere Kirche ist nicht einmal 100 Jahre alt. Wie das ganze Land ist auch sie jung und dynamisch, mit vielen Taufen. Auf der anderen Seite fehlen uns Priesterberufungen. F\u00fcr viele junge Menschen ist es zu viel Studium f\u00fcr zu wenig \u201eErtrag\u201c. Die tschadischen Christen stammen von den Animisten ab, und es bestehen gute Beziehungen zwischen den beiden. Gegen\u00fcber denen, die dem Animismus misstrauisch gegen\u00fcberstehen, m\u00fcssen wir der Versuchung widerstehen, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Viele Werte des Animismus und des Christentums sind miteinander vereinbar.<\/p>\n<h4><strong>K\u00f6nnten Sie uns sagen, wie Sie die Entscheidung getroffen haben, Priester zu werden?<\/strong><\/h4>\n<p>Ich verdanke meinem Vater, einem Katecheten, sehr viel. Als Teenager, so mit 14 oder 15 Jahren, verlor ich das Interesse an der Kirche. Ich suchte immer wieder nach M\u00f6glichkeiten, der Messe fernzubleiben, aber mein Vater fand es heraus und schickte mich zum Haus meines \u00e4lteren Bruders, um mich wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Im Haus meines \u00e4lteren Bruders jagte und fischte ich; ich z\u00fcchtete auch Pflanzen, aber ich habe nicht f\u00fcr die Schule gelernt. Mir fehlte etwas. Deshalb bat ich darum, in das Haus meines Vaters zur\u00fcckzukehren. Ich denke, diese Zeit der Trennung war gut, denn als ich zur\u00fcckkehrte, begann ich mich wieder f\u00fcr die Kirche zu interessieren. Ich habe mich als Katecheten-Assistent gemeldet und bin dem Chor und den Jugendbewegungen beigetreten. Als ich 18 Jahre alt wurde, bat ich darum, Priester zu werden und trat ins Seminar ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pater L\u00e9andre Mbaydeyo aus N&#8217;Djamena, Tschad, arbeitet dank eines ACN-Stipendiums in Paris und spricht \u00fcber die Lage in seinem Land.<\/p>\n","protected":false},"author":4258341447,"featured_media":142875,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_acn_coauthor_ids":[],"footnotes":""},"categories":[929],"tags":[],"country":[870],"class_list":["post-142882","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interview-2","country-tschad"],"acn_coauthors":[],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO Premium plugin v27.3 (Yoast SEO v27.3) - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-premium-wordpress\/ -->\n<title>Tschad: \u201eIch bin ein Kind des Krieges\u201c<\/title>\n<meta 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